Herr Professor Dr. Krüger, wie kamen Sie dazu, sich für die globale Gesundheit zu engagieren?
Als Jugendlicher war ich lange unsicher, welchen Beruf ich wählen sollte. Aber als ich mich dann entschieden hatte, Medizin zu studieren, wusste ich genau: Meine christliche Glaubensüberzeugung soll mein medizinisches Handeln prägen. Ich werde Kinder- und Jugendarzt und möchte mich für die Gesundheit benachteiligter Menschen einsetzen, vor allem im globalen Süden. Auch meine Frau studierte Medizin mit dem Ziel, sich für globale Gesundheit zu engagieren.
Wie konnten Sie dieses Ziel verwirklichen?
Einen Einblick in die medizinische Arbeit im Ausland bekamen meine Frau und ich durch Dr. Christoph Benn, der lange Zeit für das Difäm arbeitete. Als er mit seiner Familie in Tansania war und ein Missionskrankenhaus leitete, haben wir ihn besucht. Da wurde uns klar: Es ist auch unser Ruf, im Ausland zu arbeiten. So freuten wir uns, als für das Haydom Lutheran Hospital in Tansania ein Kinderarzt gesucht wurde und wir 1997 als Familie dorthin ausreisen konnten.
Nach drei erfüllten Jahren kamen wir nach Deutschland zurück. Seit nunmehr 25 Jahren arbeite ich als leitender Kinder- und Jugendarzt im klinischen Bereich und bin auch wissenschaftlich tätig. Aber die globale Gesundheit ließ mich nie los. Als langjähriger Vorsitzender der Gesellschaft für Tropenpädiatrie & Internationale Kindergesundheit (GTP) e.V. war ich eng am Thema dran, ebenso durch meine Zusammenarbeit mit der Friede Springer Stiftungsprofessur für globale Kindergesundheit an der Universität Witten-Herdecke. Auch die Arbeit von Difäm Weltweit habe ich kontinuierlich verfolgt – über verschiedene Medien sowie durch Treffen mit Mitarbeitenden und Gespräche mit Frau Dr. Gisela Schneider.
Was hat Sie bewogen, sich für die Stelle als Direktor von Difäm e.V. zu bewerben?
Als ich die Stellenausschreibung las, habe ich sofort gespürt: Hier bin ich angesprochen. Der spontane Impuls, mich zu bewerben, hielt auch intensivem Nachdenken stand. Denn ich identifiziere mich mit den Grundlagen und der Arbeit. Das Difäm und ich passen zusammen.
Was ich besonders schätze: Das Difäm setzt sich für die Benachteiligten ein, für diejenigen Menschen und auch Regionen, die oft vergessen werden. Mich spricht auch sehr an, dass die Arbeit geleitet ist von einem mehrdimensionalen Verständnis von Gesundheit, das die körperliche und seelische Dimension im Blick hat, aber auch spirituelle Ansätze integriert.
Darüber hinaus freue ich mich, in meinem Berufsleben nochmal eine andere Aufgabe übernehmen und mich ganz der globalen Gesundheitsarbeit widmen zu können.
Was ist Ihnen an der Arbeit von Difäm Weltweit besonders wichtig?
Vor allem schätze ich den Ansatz der Arbeit: Im Vordergrund steht die Partnerschaft auf Augenhöhe. Es geht in der Entwicklungszusammenarbeit ja nicht nur um eine finanzielle Unterstützung. Die Menschen sollen mitentscheiden und mitgestalten, um möglichst bald unabhängig von der Hilfe von außen zu werden.
Ein bedeutender Bereich ist auch die Lobbyarbeit. Hier und im Ausland übernimmt Difäm Weltweit Anwaltschaft für Menschen, die keine Stimme haben und vernachlässigt sind. Unsere Eine Welt ist in vielen Bereichen und eben auch im Gesundheitsbereich von Ungerechtigkeit geprägt. Wir müssen darauf aufmerksam machen und an Menschen mit Entscheidungsmacht appellieren, sich dem entgegenzustellen.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation in der Entwicklungszusammenarbeit?
Vor sechs Jahren hätte ich diese Frage sehr optimistisch beantwortet. Denn mit der Jahrtausendwende begann so eine Art goldene Ära für die weltweite Gesundheit. Die Länder mit hohem Einkommen unterschrieben die Millenniumsentwicklungsziele und stellten Gelder dafür bereit. Die Erfolge waren beeindruckend, auch in den Anfangsjahren der Nachhaltigen Entwicklungsziele, die von den Vereinten Nationen 2015 verabschiedet wurden. Beispielsweise wurde die weltweite Kindersterblichkeit bis 2020 um fast die Hälfte reduziert.
Dann kam COVID-19. Die Pandemie traf vor allem die Menschen im Süden hart. Die Folgen hätten langfristig wohl überwunden werden können, wenn nicht weitere Krisen gefolgt wären. Die aktuellen Kriege bedrohen den Weltfrieden und die globale wirtschaftliche Situation. Meine größte Sorge jedoch ist: Viele Staaten, allen voran die USA, verfolgen zunehmend vor allem eigene nationalstaatliche Interessen und stellen ihr Engagement in der
Entwicklungszusammenarbeit hintan.
Die amerikanische Regierung hat mit der Auflösung der Behörde für Internationale Entwicklung USAID ihr jahrzehntelanges Engagement für globale Gesundheit quasi eingestellt – mit dramatischen Folgen: Die Fortschritte der letzten Jahrzehnte werden zunichte gemacht. Das Leben von Millionen von Menschen ist aktuell bedroht.
Wie sollte Difäm Weltweit auf diese Herausforderungen reagieren?
Meine Antwort ist klar: Die Arbeit von Difäm Weltweit ist heute nötiger denn je. Für die Menschen und Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten, müssen wir uns jetzt als verlässliche Partner erweisen. Wie soll das gehen? Natürlich kann niemand die Lücke, die die USA zurücklassen, füllen, vor allem nicht im Alleingang. Alle Akteure in der Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland und weltweit müssen sich noch viel mehr vernetzen. Die Zeiten des Aneinander-vorbei-Agierens von säkularen und kirchlichen Organisationen sollten der Vergangenheit angehören! Wir stehen zu unseren christlichen Wurzeln und Werten, suchen aber den Schulterschluss mit allen Einrichtungen, die in der weltweiten Gesundheitsarbeit aktiv sind. Besonders erwähnen möchte ich auch, wie wichtig die deutschen Kirchen und Gemeinden für uns sind. Wir sind auf die Unterstützung der Kirchen und jedes Einzelnen in den Kirchengemeinden angewiesen.
Als Direktor des Difäm e.V. leiten Sie ja den Trägerverein von Difäm Weltweit, der Tropenklinik
Paul-Lechler-Krankenhaus und dem Hospiz. Wie werden Sie diese Aufgabe wahrnehmen?
Ich freue mich, den Verein Difäm e.V. als Direktor in der Funktion des Vorstandsvorsitzenden gemeinsam mit dem kaufmännischen Vorstand Herrn Wolfgang Stäbler zu leiten. Die Klinik gGmbH möchte ich dabei unterstützen, ihre Kernaufgaben im Bereich der Geriatrie, der Palliativmedizin sowie in der Tropen- und Reisemedizin weiterhin mit hoher fachlicher Expertise zu erfüllen. Auch die Hospizarbeit ist mir ein Herzensanliegen. Ich bin überzeugt: Die Klinik und das Hospiz sind im Tübinger Raum unersetzlich. Mit dem Tagesgeschäft der klinischen Bereiche und des Managements werde ich sicher weniger zu tun haben. Meine Rolle sehe ich vor allem in der Vertretung der Trägerbereiche nach außen und meiner Beteiligung bei Grundsatzentscheidungen. So ist es mir sehr wichtig, dass die christliche Grundausrichtung erhalten und im medizinischen Alltag sichtbar bleibt. Für die Menschen, die Difäm e.V. als Mitglieder mittragen, bin ich sehr dankbar. Und ich möchte mich dafür einsetzen, weitere Mitglieder zu gewinnen, vor allem auch jüngere.
Können Sie uns zum Schluss bitte nochmal ganz kurz zusammenfassen, was für Sie als Difäm-Direktor wichtig sein wird?
Difäm e.V. soll seine Identität bewahren und die christliche Gesundheitsarbeit soll weiter gestärkt werden, hier in Tübingen und weltweit. Wenn meine Arbeit dazu beiträgt, weiß ich: Hier bin ich am richtigen Platz!


