Für ein gesundes Leben - auch in Deutschland

Gemeinsam mit Ärzten der Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus steht das Difäm in engem Kontakt mit Erstaufnahmestellen und Unterkünften für geflüchtete Menschen in der Umgebung. Unser Ziel ist es, den ankommenden Menschen eine umfassende medizinische Versorgung zu ermöglichen.

Medizinische Versorgung von Flüchtlingen

Situationsanalyse zur gesundheitlichen Versorgung von Geflüchteten

Lücken in der Gesundheitsversorgung von Geflüchteten identifizieren und schließen - das ist das Ziel der Situationsanalyse von Isabel Fernández, Difäm-Referentin für Flüchtlingsarbeit, im Landkreis Tübingen.

Die Zahlen der Neuankömmlinge sind seit Anfang letzten Jahres gesunken. Doch noch immer leben rund 2000 geflüchtete Menschen in vorläufigen Unterbringungen im Kreis Tübingen. Das Tübinger Arztmobil fährt mit einem Dolmetscher hier regelmäßig vor, um ärztliche Behandlungen anzubieten....

Lücken in der Gesundheitsversorgung von Geflüchteten identifizieren und schließen - das ist das Ziel der Situationsanalyse von Isabel Fernández, Difäm-Referentin für Flüchtlingsarbeit, im Landkreis Tübingen.

Die Zahlen der Neuankömmlinge sind seit Anfang letzten Jahres gesunken. Doch noch immer leben rund 2000 geflüchtete Menschen in vorläufigen Unterbringungen im Kreis Tübingen. Das Tübinger Arztmobil fährt mit einem Dolmetscher hier regelmäßig vor, um ärztliche Behandlungen anzubieten. Sobald die Geflüchteten jedoch ihre Anschlussunterkünfte beziehen, müssen sie sich selbst niedergelassenen Ärzten vorstellen. "Verständigungsprobleme, gerade im medizinischen Beratungsgespräch, sind da vorprogrammiert", sagt Isabel Fernández.

Das ist nur eine der Herausforderungen, welche die Allgemeinmedizinerin in ihrer Situationsanalyse erkennt. Für die Analyse war sie im gesamten Landkreis Tübingen unterwegs, fuhr zu Erstaufnahmeeinrichtungen, befragte in Interviews Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Ehrenamtliche und Geflüchtete. Dabei wollte sie in Erfahrung bringen, was in der Gesundheitsversorgung gut lief und läuft, aber auch wo die Probleme liegen. In einem zweiten Teil der Analyse erfolgte eine Online-Befragung der niedergelassenen Ärzte und Psychologen, um den Bedarf an möglichen Interventionen zu ermitteln. Nun soll ein Konzept erarbeitet werden, das die gesundheitliche Versorgung von Flüchtlingen verbessert und die Beteiligten in der Versorgung unterstützt. "Es geht uns um Effizienz und Bezahlbarkeit, aber auch um eine gelungene Integration in das deutsche Gesundheitssystem", sagt Isabel Fernández.

Besonderen Wert legte die Difäm-Referentin für Flucht und Migration auf das persönliche Gespräch mit den Flüchtlingen selbst. Die Interviews zeigen deutlich, dass Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen das deutsche Gesundheitssystem ganz unterschiedlich bewerten: Ein Mann aus Somalia, mit lebensgefährlicher und ergreifender Fluchtgeschichte, ist besonders zufrieden hier. In seinem Land, so sagt er, werden Menschen mit psychischen Problemen oft überhaupt nicht behandelt, das fände er im deutschen System beeindruckend. Zwei Syrerinnen hingegen hätten bei ihrer Ankunft gerne mehr von dem strukturierten Deutschland gesehen, dass sie erwartet haben.

Das Ziel für Isabel Fernández ist klar: Lücken in der Gesundheitsversorgung von Geflüchteten wurden identifiziert und sollen nun geschlossen werden. Und es soll außerdem aus der vergangenen Krisensituation gelernt werden, um besser vorbereitet zu sein. Sie sagt: „Flucht, Migration und Integration ist heute und langfristig ein Thema dem wir uns stellen müssen. Eine umfassende gesundheitliche Versorgung ist fundamental für eine gute Integration der Geflüchteten in die fremde Lebenswelt. Damit das gelingt, muss eine bessere Vernetzung der zuständigen Behörden, Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter und der vielen freiwilligen Helfer noch immer geschaffen werden.“

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Rückblick auf die Erstversorgung in der LEA Meßstetten

Mit Respekt und Empathie | Interview im Jahr 2015

Ein Mädchen aus Nahost kommt zum Impfen in die Sprechstunde
Ein Mädchen aus Nahost kommt zum Impfen in die Sprechstunde

Die Ärzte Dr. Susanne und Dr. Ulrich Ziegler arbeiten einen Tag pro Woche in der Landes-Erstaufnahmestelle (LEA) in Meßstetten. Als Allgemeinmediziner mit besonderer Erfahrung in Gynäkologie und Kinderheilkunde versorgt das Ehepaar Schwangere, impft Kinder und kümmert sich um kranke Flüchtlinge. Ulrich Ziegler ist Mitglied im Difäm und war viele Jahre im Verwaltungsrat tätig. 

Wo liegen die Herausforderungen bei der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen?
Die Organisation ist ein großes...

Die Ärzte Dr. Susanne und Dr. Ulrich Ziegler arbeiten einen Tag pro Woche in der Landes-Erstaufnahmestelle (LEA) in Meßstetten. Als Allgemeinmediziner mit besonderer Erfahrung in Gynäkologie und Kinderheilkunde versorgt das Ehepaar Schwangere, impft Kinder und kümmert sich um kranke Flüchtlinge. Ulrich Ziegler ist Mitglied im Difäm und war viele Jahre im Verwaltungsrat tätig. 

Wo liegen die Herausforderungen bei der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen?
Die Organisation ist ein großes Thema. Erfahrungen mit einer solchen Ambulanz werden ja erst gesammelt. Die Realität liegt zwischen der Armseligkeit eines Flüchtlingslagers und den uns vertrauten Versorgungsstandards in Deutschland. Das Regierungspräsidium hat die Organisation der gesamten LEA inklusive der Ambulanz in die Verantwortung einer Essener Firma gelegt. Leider gibt es dort weder medizinische Kompetenz noch ein großes Interesse für die Probleme einer solchen Ambulanz. Aufgaben, die eigentlich leicht lösbar wären, sind nach wie vor offen. Es belastet die Arbeit, dass der verantwortliche Ansprechpartner weit weg und offenkundig mit medizinischer Arbeit nicht vertraut ist. Dabei wären jetzt eigentlich Flexibilität und ständiges Lernen angesagt.

Welche besonderen Erlebnisse gab es bisher?
Die besonderen Erlebnisse sind jeden Tag die Menschen, ihre Schicksale, von denen wir oft nur am Rande oder zufällig erfahren. Etwa ein Mädchen aus Afghanistan, das einen drei Monate andauernden Fluchtweg mit seinem Vater hinter sich hat. Viele Wochen war sie zu Fuß unterwegs und hat auf dem Weg ihre Brille verloren. Sie ist stark kurzsichtig und kann sich jetzt in ihrer neuen Umgebung nur schlecht zurechtfinden. Sie braucht möglichst rasch eine Brille. Das ist vielleicht eine Kleinigkeit, so etwas ist aber sehr wichtig. Oft sind Kleinigkeiten die besonderen Erlebnisse.

In welchem Zustand sind Ihre Patienten?
In Bezug auf organische Erkrankungen unterscheidet sich der Sprechstundenalltag nicht sehr von dem eines Hausarztes. Natürlich sind angesichts der Hygienedefizite auf der Flucht Hauterkrankungen häufig. Der prägende und belastende Hintergrund einer jeden Sprechstunde sind die fluchtbedingten seelischen Traumata sowie die Enge und Bedrängnis, in der die Flüchtlinge jetzt leben. Hinzu kommt noch die Ungewissheit, was die Zukunft betrifft. Nicht immer sind die seelischen Verwundungen so offenkundig wie bei den Menschen, die überhaupt nicht mehr schlafen können oder sehr reizbar sind oder aus deren Blick eine tiefe Traurigkeit spricht. Eindrucksvoll sind aber immer wieder auch der Mut und die Stärke von Menschen, die sich trotz der sehr schwierigen Situation eine ruhige und freundliche Haltung bewahren.

Wie werden Sie von den Flüchtlingen wahrgenommen?
Sicher werden wir in vielen Aspekten den Bedürfnissen der Menschen nicht gerecht. Wir versuchen aber trotz aller Defizite jedem Einzelnen während der Sprechstunde Respekt für seine Würde und Empathie für das vorgetragene Leiden zu vermitteln. Wenn dann die kleine Tochter einer Schwangeren beim Verlassen des Sprechzimmers der Krankenschwester liebevoll einen Kuss gibt und sogar schon das Wort „Danke“ kennt, dann sind auch wir für einen Moment froh und dankbar. Das erste Kind, in dessen Geburtsdokument als Geburtsadresse „LEA Meßstetten“ stand – ein Mädchen – erhielt von seiner Mutter übrigens den Namen „Lea“. Im Traurigen und im Schönen erleben wir, dass selbst in der „Sprech-“stundensituation oft Gesten wichtiger sind als Worte.

 

Das vollständige Interview finden Sie in unserer Zeitschrift Gesundheit in der Einen Welt, Ausgabe 1_2016 
Bestellen oder abonnieren Sie hier unsere Zeitschrift kostenfrei. Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

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Fortbildung Migrantenmedizin

Medizinerfortbildung zu Infektionskrankheiten bei Asylsuchenden

Die Bereitschaft
Die Bereitschaft, bei der medizinischen Versorgung von Asylsuchenden mitzuhelfen, ist in der Ärzteschaft der Landkreises Tübingen sehr groß.

Die Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus hat Ende 2015 auf Bitten der Ärztekammer drei Fortbildungen für Ärzte in Süd-Württemberg zum Thema Infektionskrankheiten bei Asylsuchenden durchgeführt. Die Resonanz war groß. Zu den Abenden in Reutlingen, Sigmaringen und Ulm kamen über 550 Medizinerinnen und Mediziner.

Spätestens seit dem Ebola-Ausbruch in West-Afrika steht auch in Deutschland die Frage im Raum, ob aufgrund der steigenden Flüchtlingszahlen auch mit erhöhten Infektionsgefahren zu rechnen sei. Grundsätzlich gilt, dass ein Großteil der tropentypischen Erkrankungen allein schon aufgrund der kurzen Inkubationszeiten, also dem Zeitraum zwischen Infektion und Krankheitsausbruch, ausgeschlossen ist. Typischerweise sind die Flüchtlinge monatelang unterwegs, so dass viele Infektionen schon lange vor der Ankunft in Deutschland hätten ausbrechen müssen.

Risikobereich Gemeinschaftsunterkünfte

Das Robert-Koch-Institut hat hilfreiche Informationen herausgegeben, welche die medizinischen Besonderheiten von Asylsuchenden sowie typische exotische Erkrankungen beschreiben. Gleichzeitig gibt es Hilfestellung bei der Diagnose und Behandlung. In Deutschland treten knapp die Hälfte der Tuberkulosefälle bei Migranten auf. Eine tatsächliche Tuberkulose-Gefahr für die Allgemeinbevölkerung aufgrund erkrankter Asylsuchender besteht jedoch derzeit nicht, da nur bei längerem engem Kontakt eine echte Übertragungsgefahr besteht.

Für die Bewohner in Gemeinschaftsunterkünften dagegen ist das Risiko deutlich höher. Der Gesetzgeber schreibt deswegen für alle Asylsuchenden in den Landeserstaufnahmestellen eine Vorsorgeuntersuchung auf Tuberkulose vor. Für die Risikominimierung ist es wichtig, dass eine Erkrankung frühzeitig erkannt und behandelt wird. Hat ein Asylsuchender Fieber, gilt bei bestimmten Herkunftsländern allerdings auch an Malaria zu denken. In der Tropenmedizin ist dies eine sehr gut bekannte Erkrankung. Seit Jahr und Tag bietet die Tropenklinik dazu eine 24-Stunden-Notfalldiagnostik und -therapie an. Für Krankenhäuser in ganz Süddeutschland sind wir eine vielgefragte Beratungs- und Referenzstelle. Seit 2014 haben sich deutschlandweit erstmals wieder die Malaria-Fälle erhöht, insbesondere die eher gutartige Malaria tertiana. Sie kommt vor allem bei Asylsuchenden vom Horn von Afrika vor.

Medizinische und nichtmedizinische Hürden

Mehrere kleinere Ausbrüche von typischen Kinderkrankheiten wie Masern oder Windpocken haben gezeigt, wie wichtig es ist, die Impflücken unter Asylsuchenden rasch zu schließen. Weitere Herausforderungen für die Ärzteschaft sind sicherlich sprachliche Hürden und Traumatisierungen bei Asylsuchenden, die neben einer behutsamen und kulturell angepassten Kommunikation auch deutlich mehr Zeit beanspruchen.

Das Infektionsrisiko für die Allgemeinbevölkerung durch von Asylsuchenden importierte Erkrankungen ist gering. Doch für die Menschen in Gemeinschaftsunterkünften müssen wir Ärzte das Risiko minimieren. Glücklicherweise ist seitens der Ärzteschaft im Landkreis Tübingen die Bereitschaft und das Interesse zur Mithilfe bei der medizinischen Versorgung von Asylsuchenden sehr groß.

Kontakt

Dr. Isabel Fernández
Dr. Isabel Fernández Referentin für Flucht und Migration Mohlstr. 26 72074 Tübingen Tel. 07071-7049011 Fax: 07071-7049039 fernandez@difaem.de

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