Die stille Epidemie

Hunger und übertragbare Erkrankungen galten bis vor wenigen Jahren noch als die Hauptprobleme von Ländern mit niedrigem Einkommen. Dabei sind heute chronische Erkrankungen weltweit die häufigste Todesursache. Ein globales Umdenken ist erforderlich. Das Difäm fördert die kontinuierliche Behandlung nichtübertragbarer, chronischer sowie vernachlässigter Krankheiten und klärt zur Entstehung und Vorbeugung auf.

Nichtübertragbare und chronische Erkrankungen

Ein weltweites Leiden

Unsichere Zukunft: Ein gehörloses Mädchen im Ostkongo
Unsichere Zukunft: Ein gehörloses Mädchen im Ostkongo

Als die Weltgemeinschaft im Jahr 2000 die Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) verabschiedete, lag der Fokus auf der Verringerung von Armut und der Senkung der Todesfälle an HIV und Aids, Malaria und anderen übertragbaren Erkrankungen. Nicht übertragbare, chronische Erkrankungen wie zum Beispiel Herz-Kreislauferkrankungen, bösartige Tumore, chronische Atemwegserkrankungen oder Diabetes galten als die typischen Leiden der Menschen in den Industrienationen. Entsprechend wurden sie in den MDGs nicht berücksichtigt.

Doch im Jahr 2015 eröffnete die Generalsekretärin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Dr. Margaret Chan, ein internationales hochrangiges Treffen in Genf mit den Worten: „Die Herausforderungen im Bereich der Gesundheit haben sich seit Beginn dieses Jahrhunderts dramatisch verändert. Nicht übertragbare Erkrankungen können nicht mehr als ein Problem reicher Länder betrachtet werden.“ Die Gesundheitsstatistiken sind alarmierend: Weltweit sind chronische Erkrankungen heute die häufigste Todesursache. Etwa 38 Millionen sterben jährlich an ihren Folgen. Fast drei Viertel dieser Todesfälle betreffen Menschen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Viele von ihnen sind unter 70 Jahren. Sollte die Weltgemeinschaft darauf nicht reagieren, ist nach Angaben der WHO bis 2020 mit einem Anstieg dieser Todesfälle um 15 Prozent zu rechnen.

Betrachtet man nicht nur die Verkürzung der Lebenszeit, sondern auch die Einschränkung der Lebensqualität, weitet sich das Spektrum der nicht übertragbaren Erkrankungen. Psychische Erkrankungen beispielsweise tragen heute wesentlich zur globalen Krankheitslast bei. Hinzu kommt, dass weltweit Unfälle und Verletzungen zunehmen.

Komplexe Ursachen und wirtschaftliche Folgen

Die Ursachen für die Verschiebung im globalen Krankheitsspektrum sind komplex. Zum einen gibt es natürliche Gründe: Wächst eine Bevölkerung und wird sie außerdem immer älter, nehmen chronische Erkrankungen automatisch zu. Das heißt aber, dass wir nicht mehr nur allein dafür sorgen müssen, dass Kinder die ersten fünf Jahre überleben. Sie müssen auch gesund erwachsen und älter werden können.

Globalisierung und Urbanisierung sind ebenfalls Ursachen für die Zunahme von chronischen Erkrankungen. In Afrika, Asien und Südamerika pflegen gerade besser gestellte Menschen in den Städten einen krankmachenden Lebensstil: überzuckerte Nahrungsmittel, industriell verarbeitete Lebensmittel sowie Bewegungsmangel führen zu Übergewicht und erhöhen das Risiko für Typ 2-Diabetes sowie Herz-Kreislauferkrankungen. Außerdem steigt in vielen Regionen der Welt der Alkohol- und Tabakkonsum, was eine Vielzahl chronischer Folgeerkrankungen mit sich bringt.

Auf der anderen Seite sind aber die „Verlierer“ der Globalisierung von chronischen Erkrankungen betroffen: Menschen mit niedrigem Einkommen können sich zum Beispiel keine ausgewogene Ernährung und keinen gesunden Lebensstil leisten und müssen unter krankmachenden Bedingungen leben und arbeiten.

Chronische Erkrankungen belasten Menschen in Ländern mit schwachem Gesundheitssystem außerdem finanziell. Das zeigt das Beispiel der 45-jährigen Faith in Malawi. Sie muss wegen eines Typ 2-Diabetes regelmäßig zur Untersuchung ins zehn Kilometer entfernte Krankenhaus. Die Busfahrkarte sowie die Kosten für Untersuchungen und Medikamente muss sie selbst zahlen. Hinzu kommt der Verdienstausfall für die Zeit, in der sie nicht arbeiten kann. Auch die Kosten für die Behandlung von eventuell auftretenden Folgekrankheiten wie Augen- und Nierenschädigungen wird sie selbst tragen müssen. Nach einer Studie der Afrikanischen Union (2013) führen die Behandlungskosten chronischer Erkrankungen jedes Jahr etwa 100 Millionen Menschen in die Armut.

Auch für die Weltwirtschaft haben chronische Erkrankungen gravierende Folgen. Das Weltwirtschaftsforum veröffentlichte 2011 eine beunruhigende Prognose: Nehmen chronische Erkrankungen weiter zu, könnte die Weltwirtschaft in den nächsten 20 Jahren bis zu 47 Billionen US-Dollar Verluste erleiden. Dagegen müssten nach Berechnungen der WHO für eine wirksame Prävention und Behandlung dieser Erkrankungen in den Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen nur etwa 11 Milliarden US-Dollar pro Jahr aufgebracht werden.

Neue Strategien erforderlich

Stillen senkt das Krankheitsrisiko
Stillen senkt das Krankheitsrisiko

Die Zunahme nicht übertragbarer Erkrankungen wird mitunter als „stille Epidemie“ bezeichnet. Die WHO-Mitgliedsstaaten einigten sich 2011 auf einen „Globalen Plan zur Prävention und Kontrolle nicht übertragbarer Erkrankungen für die Jahre 2013 bis 2020“. Demnach soll beispielsweise durch ein Werbeverbot der Alkohol- und Tabakkonsum gesenkt werden. Das Stillen von Säuglingen soll gefördert und durch Unterbindung von Werbung für künstliche Ernährung geschützt werden. Und die im September 2015 verabschiedeten Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen rufen dazu auf, „bis 2030 die Todesfälle durch nicht übertragbare Erkrankungen um ein Drittel zu senken und psychische Gesundheit zu fördern.“

Dauerhafte Erfolge brauchen jedoch einen breiten Ansatz. Entscheidend ist eine gute medizinische Versorgung. Mitarbeitende im Gesundheitswesen, besonders im Bereich der primären Versorgung, müssen in Prävention und Behandlung von chronischen Erkrankungen geschult werden, wirksame Medikamente sollen zur Verfügung stehen und neue Wege der Finanzierung des Gesundheitssystems gesucht werden.

In der Projektarbeit des Difäm ist psychische Gesundheit immer häufiger ein Bestandteil, so zum Beispiel in Liberia und Sierra Leone, wo es um die psychosoziale Betreuung von Ebola-Überlebenden geht, in Indien, wo das Difäm Suizidprophylaxe im Einzugsgebiet des Duncan-Hospitals unterstützt oder in Malawi, wo psychische Gesundheit eine Komponente von Basisgesundheitsprojekten ist.

Chronische Krankheiten

Diabetes - ein Gradmesser für Gesundheit auch in armen Ländern

Landläufig werden nichtübertragbare Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall oder Tumorerkrankungen mit Industrieländern in Verbindung gebracht, ansteckende Krankheiten dagegen mit den wirtschaftlich armen Ländern. Bis vor einigen Jahren war diese Zuordnung berechtigt, aber heute verbreiten sich nichtübertragbare Krankheiten aus vielfältigen Gründen in ärmeren Ländern rapide: Heute sterben an diesen Erkrankungen etwa genauso viele Menschen wie an HIV und Aids. Aber...

Landläufig werden nichtübertragbare Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall oder Tumorerkrankungen mit Industrieländern in Verbindung gebracht, ansteckende Krankheiten dagegen mit den wirtschaftlich armen Ländern. Bis vor einigen Jahren war diese Zuordnung berechtigt, aber heute verbreiten sich nichtübertragbare Krankheiten aus vielfältigen Gründen in ärmeren Ländern rapide: Heute sterben an diesen Erkrankungen etwa genauso viele Menschen wie an HIV und Aids. Aber nicht nur Todesfälle, sondern auch schwerwiegende Behinderungen bringen diese Krankheiten mit sich.

Notwendige Prävention und Therapie

Diabetes hat ernste Folgen: Wenn Blutzucker und Blutdruck über längere Zeit zu hoch sind, werden die Blutgefäße und Nerven angegriffen. Dabei erhöht sich das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Geschädigte kleine Blutgefäße im Auge sind eine Hauptursache für Erblindung. Nierenschäden führen zum Nierenversagen. Menschen benötigen regelmäßige Dialyse oder eine Nierentransplantation, was in wirtschaftlich armen Ländern praktisch nicht möglich ist. Die Schädigung der sensorischen, motorischen und autonomen Nerven kann verschiedene Symptome hervorrufen, wie Gefühlstaubheit, Schmerzen, Muskelschwund, Kontrollverlust über die Muskeln, starkes Schwitzen. Verdauung, Herzfrequenz und Blutdruck können beeinträchtigt werden.
Der Diabetes ist dabei oft eine Konsequenz jahrelanger falscher Ernährung und mangelnder Bewegung - ein großes Problem bei der voranschreitenden Verstädterung und zunehmender Armut. Hier muss die Entwicklung neue Wege gehen in der Prävention und der Therapie. Menschen brauchen Zugang zur Therapie, aber auch zu Bildung und Information und eine Perspektive für Einkommen und gute Ernährung.

Kaum Insulinversorgung südlich der Sahara

Menschen mit Diabetes Typ I müssen sich täglich Insulin spritzen, um zu überleben. Doch in wirtschaftlich armen Regionen ist die Insulinversorgung nicht verlässlich. Lediglich in der Hälfte der Länder südlich der Sahara ist Insulin in städtischen Hospitälern erhältlich und nur in wenigen Staaten in ländlichen Krankenhäusern regelmäßig verfügbar. Hinzu kommt, dass es sich nur wenige Erkrankte leisten können, das Insulin privat zu bezahlen, denn die Kosten betragen rund zwei Drittel des durchschnittlichen Jahreseinkommens. So kommt es, dass beispielsweise in Mosambik die Lebenserwartung für ein Kind mit der Diagnose Diabetes I bei einem Jahr liegt.

Rapider Anstieg an Diabetes

Neben Fehlernährung und mangelnder Bewegung ist der Diabetes II auch eine Folge einer immer älter werdenden Bevölkerung. Prognosen gehen davon aus, dass im Jahr 2030 mehr als 80 Prozent aller Diabetiker weltweit in wirtschaftlich armen Ländern leben werden. Somit ist Diabetes ein äußerst relevantes Thema in der weltweiten Gesundheitsarbeit, das auch wir angehen. Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Gesundheit ist heute klar belegt. Wenn sich arme Länder entwickeln, sind zunächst die sozioökonomisch stärkeren Gruppen gefährdet, an Diabetes zu erkranken. Aber das kehrt sich schnell um, so dass selbst im städtischen Raum in Tansania Diabetes häufiger bei den ärmeren Schichten vorkommt.

Wenig Hoffnung auf Behandlung: Diabetiker in den armen Ländern

In afrikanischen führt der Diabetes auch zur eingeschränkten Erwerbsfähigkeit und damit zu weiterer Verarmung betroffener Familien. 80 Prozent der Ausgaben für die Diabetesbehandlung konzentrieren sich heute auf einige wenige reiche Länder – dabei werden bald 80 Prozent der erkrankten Menschen in Entwicklungsländern leben. In Ländern des Südens sind die meisten Betroffenen zwischen 45 und 64 Jahre alt und damit noch in der wirtschaftlich produktiven Phase. Daher verursachen die individuellen Probleme, die Folgeerkrankungen und frühzeitigen Tod mit sich bringen, enorme ökonomische Verluste auch in armen Ländern. 

Kaum Aufklärungsarbeit und Prävention

Aufklärungsarbeit und Prävention von Diabetes sind enorm wichtig. Wir wissen, dass das Diabetes-II-Risiko bei gefährdeten Menschen durch eine bessere Ernährung und viel körperliche Bewegung verzögert oder gar verhindert werden kann. Wenn Aufklärung und Präventionsprogramme laufen, kosten sie weniger als alle Maßnahmen, die für Diagnose und Behandlung nötig werden. So wird auf die Regierungen und die Werke in der Entwicklungszusammenarbeit noch tatkräftiges Handeln zukommen.

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Vernachlässigte und armutsassoziierte Krankheiten

Für die Ärmsten ist es besonders hart

Einfach zu behandeln: Podoconiose gehört zu den vernachlässigten Krankheiten
Einfach zu behandeln: Podoconiose gehört zu den vernachlässigten Krankheiten

Als Mitglied der 'Arbeitsgemeinschaft Gesundheit' des Verbands Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (Venro e.V.) sowie des neu gegründeten 'Deutschen Netzwerks für vernachlässigte Tropenkrankheiten' setzen wir uns für die Bekämpfung armutsbedingter und vernachlässigter Krankheiten ein. Ein Gespräch mit Difäm-Direktorin Dr. Gisela Schneider. 

Was versteht man unter den vernachlässigten und armutsassoziierten Krankheiten?

Als solche werden tropische Infektions- und...

Als Mitglied der 'Arbeitsgemeinschaft Gesundheit' des Verbands Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (Venro e.V.) sowie des neu gegründeten 'Deutschen Netzwerks für vernachlässigte Tropenkrankheiten' setzen wir uns für die Bekämpfung armutsbedingter und vernachlässigter Krankheiten ein. Ein Gespräch mit Difäm-Direktorin Dr. Gisela Schneider. 

Was versteht man unter den vernachlässigten und armutsassoziierten Krankheiten?

Als solche werden tropische Infektions- und armutsbedingte Krankheiten bezeichnet, die vor allem Menschen in ärmeren Regionen der Welt betreffen und zu Behinderungen, gesellschaftlicher Ausgrenzung oder auch zum Tode führen können. Für ihre Erforschung und Behandlung wird im Vergleich zu anderen Infektionen wie HIV und Aids oder Malaria deutlich weniger Geld aufgewendet. Zu diesen Krankheiten zählen beispielsweise die Schlafkrankheit, Flussblindheit oder das „Elefantenfuß-Syndrom“.

Worin sehen Sie die Herausforderung in der Bekämpfung der armutsassoziierten und vernachlässigten Krankheiten?

Insgesamt schätzen wir, dass etwa eine Milliarde Menschen an vernachlässigten Krankheiten leidet. Das Problem ist, dass die meisten Menschen in vergessenen ländlichen Regionen leben und kaum Zugang zu einer guten medizinischen Versorgung haben. Aufgrund ihrer Ausgrenzung werden sie kaum wahrgenommen und entsprechend vernachlässigt. Diesem Umstand ist es auch geschuldet, dass die Industrie im Grunde wenig Interesse hat, in diesen Gebieten zu forschen, weil die Medikamente am Ende nicht teuer verkauft werden können.

Als Organisation für weltweite christliche Gesundheitsarbeit setzt sich das Difäm vor allem für Menschen in armen und abgelegenen Regionen und Ländern ein. Wie bekämpfen Sie vernachlässigte und armutsbedingte Krankheiten?

Die Menschen, die an diesen Krankheiten leiden, leben oft zurückgezogen in ihren Dörfern. Sie werden ausgegrenzt und stigmatisiert. Sie sind zu arm, um in die Städte zu gehen und in medizinischen Zentren versorgt zu werden. So ist die Basisgesundheitsarbeit, die vor Ort in den Dörfern geschieht, eine sehr wichtige Arbeit, die wir fördern und unterstützen. Dort können wir Menschen abholen und Medikamente auch für diese Krankheiten an die Frau und den Mann bringen. 
Da es für die Industrie keine Anreize gibt, in diese Krankheiten zu investieren, braucht es neue Modelle und Partnerschaften, die Forschung und Entwicklung neuer Medikamente und Impfstoffe vorantreiben. Deshalb engagieren wir uns in Initiativen wie die AG Gesundheit oder das Netzwerks für vernachlässigte Tropenkrankheiten mit der Forderung zur Bereitstellung öffentlicher Gelder durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Darüber hinaus muss Gesundheit als eigenständiges Ziel in der Post-2015-Agenda verankert werden. Entwicklung gibt es nur, wenn Menschen gesund sind.

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Fußwaschung mit großer Wirkung

Podoconiosis gehört zu den vernachlässigten Krankheiten. In Äthiopien ist die Krankheit jedoch weit verbreitet. Im Volksmund wird sie Elefantenfußkrankheit genannt, weil dabei Füße und Unterschenkel oft extrem anschwellen. In der Region Oromia unterstützen wir die Behandlung und Vorbeugung von Podoconiosis.

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Kontakt

Dr. med. Beate Jakob
Dr. med. Beate Jakob Gemeinde- und Studienarbeit Mohlstraße 26 72074 Tübingen Tel. 07071 7049023 Fax: 07071 7049039 jakob@difaem.de

Depressionsprojekt

Finden Sie hier weitere Informationen zu unserem Projekt Depression und Kirchengemeinden

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