Hoffnung für Frauen in Indien

„Roshni“ oder „neues Licht“ heißt das vom Difäm unterstützte Projekt am Duncan-Krankenhaus im nordindischen Raxaul. Menschen in schwierigen Lebenssituationen sollen durch seelsorgerische Begleitung wieder Hoffnung auf eine würdevollere Zukunft bekommen.

Wenn die Lebenslinie mit Trauer beginnt
Die Zahlen aus der Patientenaufnahme waren alarmierend: Auf der Kinderstation des Duncan-Krankenhauses wurden dreimal so viele Jungen wie Mädchen aufgenommen. Auch wurden doppelt so viel Jungen zum Impfen ins Krankenhaus gebracht wie Mädchen. Bei einer Untersuchung in den umliegenden Dörfern kam heraus, dass die indische Gesellschaft noch immer von patriarchalischen Normen bestimmt ist. Söhne werden Töchtern gegenüber vorgezogen und Frauen als minderwertiges Geschlecht angesehen. „Bei der Geburt eines Jungen herrscht große Freude in der Familie“, erzählten die Dorfbewohner. „Es wird dann ein Fest gefeiert. Wird aber ein Mädchen geboren, herrscht Trauer.“ Auch berichteten sie, dass ein Junge besser umsorgt werde: „Jungen benötigen mehr Nahrung, um stark zu werden. Überhaupt macht es keinen Sinn, ein Mädchen zu ernähren.“

Der Grund dafür liegt in der Tradition. Die Praxis der Mitgift ist zwar gesetzlich verboten, praktiziert wird sie aber nach wie vor. Um ein Mädchen verheiraten zu können, muss die Familie die oft hohen Forderungen des Bräutigams erfüllen. Viele Eltern sehen in ihren Töchtern deswegen eine finanzielle Belastung und investieren wenig in die Mädchen. Das heißt, wer eine Tochter hat, verliert Geld und Eigentum und verschuldet sich oft auf Jahre. Mit einem Jungen kommt dagegen eine Frau ins Haus mit einer Mitgift. Nicht umsonst heißt es in einem indischen Sprichwort: „Eine Tochter großzuziehen, ist wie den Garten des Nachbarn zu gießen.“

Auch bei der medizinischen Versorgung machen die Eltern Unterschiede bei ihren Kindern. Wenn ein Mädchen erkrankt, wird zuerst einige Tage abgewartet um zu sehen, ob es überlebt. Erst danach wird in der Dorfapotheke ein Medikament gekauft oder eine Gesundheitsstation aufgesucht. Dagegen wird bei der Erkrankung eines Sohnes schnell medizinische Hilfe in einer Gesundheitsstation oder im Krankenhaus gesucht. Eigentlich soll ein Gesetz gewährleisten, dass Jungen und Mädchen, Männer und Frauen gleiche Rechte haben. Im nordindischen Staat Bihar, in dem auch die Kleinstadt Raxaul liegt, werden Mädchen schon sehr jung verheiratet. Ohne einen Ehemann ist eine Frau nichts wert, heißt es. Ihr „Wert“ hängt von der Geburt eines Sohnes ab.

Selbstmordversuch einer Mutter

„Roshni“ – oder „neues Licht“ – heißt das vom Difäm unterstütze Projekt am Duncan-Krankenhaus, das psychische Gesundheit in Gemeinden in und um Raxaul fördert. Eine Mitarbeiterin sah die 23-jährigen Krishna, wie sie weinend auf dem Gelände des Duncan-Krankenhauses stand. Sie wurde in die Notfallaufnahme gebracht und untersucht. Es stellte sich heraus, dass sie ein Düngemittel getrunken hatte, um sich das Leben zu nehmen:  

Krishna wurde mit 15 Jahren verheiratet. Die ersten Jahre ihrer Ehe verliefen friedlich. Sie brachte zwei Söhne auf die Welt, die nun sieben und fünf Jahre alt sind. Die Familie ihres Mannes fing aber an, Krishna massiv zu bedrängen, weil ihre eigene Familie die Mitgift für Kirshna noch nicht gezahlt hatte. Ihre Eltern waren aber arm und konnten die Forderungen der Familie ihres Mannes nicht erfüllen. Auch Krishnas Mann fing an, sie ungerecht zu behandeln. Krishna nahm ihren ganzen Mut zusammen und meldete ihre Lage der Polizei – ohne Erfolg. Als sich die Situation verschlimmerte und sie geschlagen und missbraucht wurde, sah sie keinen Ausgang mehr: Sie trank das Düngemittel. Nachbarn entdeckten sie aber und brachten sie ins Krankenhaus. Dort wurde sie seelsorgerlich begleitet und schöpfte neue Hoffnung.

Viele Geschichten ähneln der Geschichte von Krishna. Um den Frauen neue Perspektiven aufzuzeigen, erhalten sie seelsorgerliche Begleitung und werden dazu ermutigt, Alphabetisierungskurse zu besuchen, um dadurch größere Chancen auf eine Arbeitsstelle zu haben.

Einen Blick für die Not von anderen haben

Trotz der kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Strukturen, die Mädchen und Frauen als minderwertig erachten, gibt es in den entlegenen Gegenden von Bihar Menschen, die einen Blick für andere haben. Die Lebenslinie von Krishna ist ein Beispiel dafür, wie wichtig das Roshni-Projekt ist. Denn von jemandem gesehen, wertgeschätzt und unterstützt zu werden, erfüllt Menschen selbst in einer widrigen und schwierigen Lebenssituation neu mit der Hoffnung auf ein würdevolles Leben. Das ist das Ziel des Roshni-Projekts – neues Licht.

Dr. Elisabeth Schüle, Difäm-Referentin Gesundheitsdienste

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